Christine Prayon betrachtet uns auf ihre Weise

Schauspielerin beeindruckt am 20. Januar mit ihren Perspektiven auf menschliche Abgründe

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Und Christine Prayon ist Christine Prayon ist Christine Prayon. So wie die amerikanische Avantgarde-Schriftstellerin Gertrude Stein in Anlehnung an Shakespeares Satz "Was ist ein Name? Was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften" hinter dem Wort den Namen, die Bedeutungen und die Emotionen sieht, spielt die Schauspielerin und Kabarettistin Prayon mit dem Schein und Sein ihrer Figuren auf der Bühne. Der Name ihres Programms "Die Diplom-Animatöse" verrät schon, dass sie dabei mit ihrem Publikum spielt und gleichzeitig in unsere menschlichen Abgründe blickt. Shakespeare hat sie da beeinflusst.

Kostümwechsel hinter der Bühne

Da betritt sie als alternde Diva zu Beginn des zweiten Programmteils die Bühne, singt die berühmten Textzeilen von Frank Sinatras "I did it may way" (Ich tat es auf meine Weise) und lässt ihre Hüllen fallen. Aber darunter kommt nicht ihr wahres Ich zum Vorschein - sondern der Clown. Der Knubbel, den sie da aus ihrer Herrenunterhose herausnestelt und ihr ein anderes Geschlecht zu geben scheint, wird zur roten Nase. Und schon wieder trägt Christine Prayon ein Kostüm.

So geht es den ganzen Abend. Im ersten Teil ihres Programms liest Christine Prayon aus dem fiktiven Tagebuch der pubertierenden Scarlett Schlötzmann, die sich darin ihr eigenes Leben zurechtrückt. Ihrer Umgebung begegnet sie mit Misstrauen. Das aber muss sie auch vor dem Tagebuch haben. Spätestens als sie dort einen Eintrag ihrer Mutter liest: "Ich weiß nicht, wie Du darauf kommst, dass ich Dein Tagebuch lese. Deine Mama."

Veränderung der Perspektiven

Christine Prayon weiß: Unser Leben ist von Lügen geprägt. Vom Schein. Von Wunschdenken. Von dem Bild, das uns Medien suggerieren, das uns Politiker Glauben machen wollen. Von Stereotypen  und Vorurteilen, gegen die wir stets ankämpfen müssen und denen wir doch immer wieder erliegen. "Ich weiß ja, dass die Politik hier in Bestwig sehr links geprägt ist", verdreht sie schon gleich nach dem Betreten der Bühne die offensichtliche Realität. Aber es bringe auch nichts, gegen gemeinsame Feindbilder zu polemisieren: "Da haben wir doch Konsens." Also macht Christine Prayon Kabarett auf ihre Weise. Sie wechselt immer wieder die Sichtweisen und Perspektiven. Und sie ermuntert uns damit, das auch zu tun.

"Ihnen war das Programm nicht politisch genug?" wird sie das Publikum zum Ende fragen. Darauf entgegnet sie: "Das ist Ansichtssache."

Tot und doch lebendig

Im zweiten Teil des Abends lässt sie ihr gespieltes Ich sogar sterben, um doch weiterzuleben. Der König ist tot. Es lebe der König. Mit dem endenden Klopfen auf das Mikrofon verstummt ihr Herzschlag. Offenbar die Folge eines allergischen Schocks auf ein Eukalyptus-Bonbon, das ihr ein Zuschauer reichte. Christine Prayon verschwindet für einen Augenblick von der Bühne - und taucht dann wieder auf. Als Nachrichtensprecherin, die erklärt: "Wir haben gerade erfahren, dass es sich bei Christine Prayon um eine multiple Persönlichkeit handelt. Die genaue Zahl der Opfer ist also noch unbekannt. Die Polizei geht derzeit von zwölf Toten aus." Dann folgt Werbung. Dann kommt das Wetter. In wenigen Momenten persifliert Christine Prayon Medienlandschaft und Medienkonsum. Und dann entlarvt sie mit Block und Stift auch noch den Unsinn so mancher Statistik: "80 Millionen Deutsche teilen sich einen Humor. Also gibt es ein humoristisches Potenzial, wenngleich in homöopathischen Dosen."

Die Parodie der Parodie

Schließich treibt sie die Spiegelung ihrer Figuren bis ins Surreale. Als sie am Schluss in einem Badeanzug mit Schwimmbrille ein winzig kleines Buch in die Hand nimmt, kündigt in monotonem und doch bedeutungsschwerem Tonfall an: "Zeitgenössische Lyrik. Band eins. Ich lese nun aus dem Zyklus 'Männer sind primitiv, aber glücklich' von Mario Barth das Gedicht: Nußloch." Sie parodiert den Komiker, der sich seinerseits über den Handtaschenkauf junger Frauen lustig macht. Das beherrscht Christine Prayon meisterhaft. Und da liegen Scarlett Schlötzmanns Versuch, einen Frauenroman über Frauen zu schreiben, in deren Leben es vor allem um Männer geht, und Mario Barths verhöhnende Beschreibung jenes Einkaufbummels, bei dem es um Frauen geht, nah beieinander.

Christine Prayon zitiert die Verse aus jenem Gedicht auch in unserem Gästebuch, um sich für den Abend in Bestwig zu bedanken: "Pass auf. Pass auf. Pass auf. Das war geil, echt boah, echt Hammer!".

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