Wie lernen wir, demokratisch zu sprechen? Und wie verhindern wir, in die Fallen des „undemokratischen Sprechens“ zu geraten, die Populisten und Fundamentalisten gerne stellen? Dieser Frage ging der Bestwiger Sprachwissenschaftler Professor Dr. Helmut Ebert am Donnerstagabend in einem Vortrag in der Christkönigkirche nach. Gemeinsam hatten das Team der Projektkirche und Kultur Pur dazu eingeladen. 50 interessierte Gäste waren gekommen.
Das „undemokratische Sprechen“ charakterisiert Ebert wie folgt: Populisten würden „für alle“ sprechen, totalitäre Führergestalten würden „anstelle aller“ sprechen und Fundamentalisten „gegen alle“ sprechen. Demgegenüber bedeute demokratisches Sprechen „mit allen“ zu sprechen. „Ziel ist dabei die Schaffung neuen Wissens“, betonte Ebert, indem Wissen erster Ordnung, also Meinungen, zum Wissen zweiter Ordnung und zwar geteilten Meinungen würden. So sei das kollektive Denken dem individuellen überlegen.
Der Frage aus der Zuhörerschaft, ob nicht zunehmend die Gefahr bestehe, dass Künstliche Intelligenz diese Rolle einnehme, indem sie Wissen bündelt, entgegnete Helmut Ebert mit einem interessanten Argument: „Nein, denn eine KI sammelt keine Erfahrungen. Die aber sind Voraussetzung dafür, richtige Lösungen zu finden.“
Demokratisch denkende und handelnde Menschen würden im Idealfall daher immer den Austausch mit anderen suchen, um sich Meinungen zu bilden. Und Populisten suchten immer nach sprachlichen Mitteln, die Massen zu manipulieren, um solche Prozesse zu verzerren.
"Mit Fundamentalisten kann man nicht diskutieren"
Der Versuchung, mit Fundamentalisten zu diskutieren, gelte es zu widerstehen: „Sie wähnen sich ja im Besitz der Wahrheit.“ Doch versuchten auch vernünftige Menschen immer wieder, in ihren absurden Aussagen Sinn zu suchen. Populisten dagegen könne man begegnen. Sie nutzten vor allem das Mittel der Wiederholung, um falsche Behauptungen in Wahrheiten umzudeuten. Wladimir Putin und Donald Trump zeigten das eindrücklich. „Und Untersuchungen zeigen sogar, dass das wirkt“, so der Sprachwissenschaftler, der an der Universität Bonn und am germanistischen Seminar der Universität in Siegen lehrt.
Fundamentalismus sei übrigens auch in vielen Religionen angelegt, ebenso in der katholischen Kirche. Dogmen seien autoritär, die institutionelle Kirche sei voller fundamentalistischer Denkfiguren. Aber die Kommunion sei als Gemeinschaftsmahl eben auch eine sehr demokratische Symbolhandlung.
"Die Wirklichkeit entwickelt sich schneller als unsere Sprache"
Eine große Herausforderung der heutigen Zeit liege darin, „dass sich die Wirklichkeit schneller entwickelt als unsere Sprache.“ Viele Begriffe seien aus der Zeit gefallen, für andere fehle noch ein Konsens: „Das ist die Ursache vieler Konflikte.“
Ein Beispiel dafür, wie Sprache durch gesellschaftliche Entwicklungen auch ideologisch beeinflusst werde, sei auch der Genderismus. Dabei stellte Ebert ausdrücklich klar: „Ich bin für das Gendern. Aber es muss sprachlich angemessen sein.“ Im Genderismus wirkten dagegen Ideologien gegeneinander ein. Die Alltagssprache gelte es davor zu schützen: „Sie bildet einen Schatz an Weisheiten. Und sie ist sie der letzte gültige Konsens unserer Gesellschaft.“
Ein Musterbeispiel parlamentarischer Debattenkultur seien die Anfänge der Europäischen Wirtschaftsunion, aus der später die Europäische Union wurde. Jean Monnet habe dafür als einer der Wegbereiter dieser europäischen Einigungsbestrebungen ein fünfstufiges Modell für eine Parlamentswoche entwickelt. Der erste Tag dient dabei dem Zuhören, der zweite nur den Fragen und Erörterungen, um Begriffe zu klären. Erst am dritten beginnt die Diskussion. Am vierten wird die Richtung vorgegeben und am fünften eine Entscheidung herbeigeführt. Zur Methode gehörte auch, dass alle Parlamentarier zusammen zu Mittag aßen. Denn dadurch werden aus Rollenträgern Menschen“, so Ebert. Das schaffe eine andere Diskussionskultur, in der man sich die nötige Zeit nehme.
"Talkshows bieten Populisten eine ideale Bühne"
Moderator Ulrich Bock erinnerte diese klare Struktur an Fernsehdebatten früherer Zeiten wie Werner Höfers Internationalem Frühschoppen: „Da zog Helmut Schmidt nach einer Frage erst einmal lange an seiner Zigarette, dachte nach und sprach eine druckreife Antwort. Niemand wagte es währenddessen, ihn zu unterbrechen. Solche Debatten scheinen in heutigen Talkshows gar nicht mehr möglich.“ Dem pflichtete Ebert bei. „Der Begriff Talkshow sagt ja schon, dass es hier weniger um Wissensfindung geht.“ Und genau diese Talkshows böten Populisten eine geeignete Bühne, denn sie beherrschten die Methoden der Unterbrechung, Umdeutung und Manipulation. Die Herausforderung bei diesen Formaten bestehe dann darin, immer wieder auf eine Metaebene zurückzukommen
Als Fazit formulierte Helmut Ebert zunächst drei aktive Regeln: „Argumentiere vernünftig und denke, statt zu glauben. Sei konkret: Es zählt das Gesagte – und nicht das Gemeinte. Und sprich langsam, so dass Du Zeit zum Denken hast.“ Dem fügte er drei passive Regeln hinzu: Habe keine Angst. Lerne zu schweigen, denn oft ist es auch besser, nichts zu sagen. Und identifiziere Dich nicht mit Deiner Meinung.“ Bewertungen gelte es zu vermeiden, Distanz dagegen zu wahren.
"Lachen Sie doch einfach mal laut los"
Und ein ganz wichtiges Mittel, fundamentalistisch denkenden und sprechenden Menschen zu begegnen, sei auch das Lachen: „Lachen Sie doch einfach mal laut los, wenn jemand völligen Unsinn erzählt. Das wird ihn irritieren.“
So ging der Abend zu diesem ernsten Thema nach knapp zwei Stunden noch heiter zu Ende. Die 50 Zuhörerinnen und Zuhörer dankten Helmut Ebert mit viel Applaus.
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